Der Zweck heiligt die Mittel
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Der Zweck heiligt die Mittel

Ludo von Teresa Egger ist ein Tausendsassa: Couch-, Beistell- und kleiner Arbeitstisch, wahlweise Kinderwippe und Minibank. FOTO: TERESA EGGER/RAT FÜR FORMGEBUNG/DPA-TMN

Der Zweck heiligt die Mittel

Manche Möbel können vieles und finden Platz überall im Haus. Auf der Mailänder Möbelmesse zeigt sich, dass diese Multifunktionalität und Flexibilität einen Nerv trifft.

Wohnen & Garten

Geht es Ihnen auch so: Sie bräuchten ab und an einen zusätzlichen Hocker im Wohnzimmer? Aber immer sollte er dort nicht stehen, denn sie haben nicht den Platz. Und manchmal wäre ein kleiner Arbeitsplatz am Fenster gut oder eine zusätzliche Ablage beim Kochen in der Küche. Gut, dass es jetzt zum Beispiel einen „Wandertisch“ gibt. Diesen präsentierte das italienische Designerlabel Opinion Ciatti auf der Mailänder Möbelmesse Anfang Juni mit Koji. „In der Höhe stufenlos verstellbar, verbirgt Koji auch zwei kleine Räder, dank denen er zu einem Wandertisch wird, der umgestellt werden kann“, heißt es vom Label.

Er ist also nicht nur kleiner Beistelltisch und Ablage neben der Couch, das Stahlgestell mit einer Platte aus MDF oder recyceltem Glasfaserkunststoff lässt sich auch zum Stehpult ausziehen – und das überall im Wohnraum, wo er eben mal schnell gebraucht wird.

ZUTATEN FÜR PRAKTISCHERES WOHNEN

Ein Tausendsassa also, mit vielen Einsatzzwecken. Opinion Ciatti spricht lieber von einer Zutat „wie in der Küche“. Daher auch der Name des Tisches: Koji ist ein Schimmelpilz, der in der japanischen Küche für einen vollmundigen Geschmack sorgt.

Solche Möbel finden sich auf der diesjährigen Weltleitschau für die Einrichtungsbranche im italienischen Mailand zu Hauf. Kein Wunder, denn im Homeoffice zu Arbeiten in einem kleinen Zuhause ist inzwischen ein großes Thema für viele Menschen.

Und selbst wer viel Platz hat, der lebt oft im offenen Grundriss – übrigens in Deutschland im Neubau quasi Standard. Wo zwischen Küche, Ess- und Wohnbereich keine Wände mehr sind und die Grenzen zwischen den Funktionsbereichen verwischen, machen Möbel Sinn, die überall praktisch sein können.

EIN HOCKER IST EIN TISCH IST EIN HOCKER

Ein Paradebeispiel für so ein multifunktionelles Möbel sind Hocker – oder sollte man sie Tisch nennen? Für ClassiCon gibt es da keinen Unterschied: Sein Corker ist ein Möbel, das laut Herstellerbeschreibung beides sein darf. Aber eigentlich noch so viel mehr: „Er ist mal ein Behelferchen, wenn man einen Sitzplatz braucht. Er kann aber auch Nachttisch neben dem Bett sein“, zählt Ascan Mergenthaler vom Architekturbüro Herzog & de Meuron, von dem das Design stammt, auf. „Er ist nutzbar als Tisch, als Beistelltisch, um etwa eine Pflanze darauf zu stellen. Man kann ihn aufeinander stapeln. Und wir haben ihn auch mal umgedreht – auch so sieht er ganz schön aus.“

»Der absolute Trend ist derzeit, einmal ganz banal gesagt, die Verfügbarkeit von Möbeln. Und das in Kombination mit vernünftigen Preisen. Alles wird teurer – da überlegen sich die Menschen doch genau, wie viel sie jetzt für Möbel ausgeben.«

Sebastian Haase, Möbelzentrum Birkenfeld

Und der Corker ist Outdoormöbel: „Wir haben ganz viele von ihm tatsächlich schon zehn Jahre lang draußen stehen. Er verändert zwar ein bisschen seinen Look, aber der Corker ist witterungsbeständig“, so Mergenthaler in einem Interview auf der Mailänder Möbelmesse.

Der Entwurf ist schon zehn Jahre alt, entstanden für ein Londoner Museum. ClassiCon-Chef Oliver Holy, der das Stück nun erstmals kaufbar macht, ist ein großer Fan des Corkers. Auch weil es so perfekt zum neuen Wohnen passt. „Wir haben dafür mit frischem Blick darauf geschaut“, berichtet Mergenthaler.

EIN MÖBEL IST AUCH DEKORATION

Es sind oft solche Kleinigkeiten, die zum Beispiel aus einem normalen Tischchen ein Möbel mit vielen Namen macht. Das gilt auch für Tuky, einen Beistelltisch von Luca Nichetto für Wittmann. Sein tollstes Feature ist ein Griff, der diese neue Flexibilität herausstellt.

Nichetto hat den Beistelltisch auch bewusst wie eine Skulptur designt: „Man kann darauf arbeiten, man kann darauf Bücher ablegen, man kann darauf essen. Aber zur gleichen Zeit war mir wichtig, dass er auch Dekoration ist“, so Nichetto. „Normalerweise sind solche Produkte sehr technisch, aber ich möchte nicht von rein funktionalen Produkten umgeben sein. Es ist ja schließlich mein Zuhause.“

Wie vielfältig die Kategorie multifunktionales Möbel sein kann und wie aberviele Ideen es gibt, zeigen auch die Gewinner und Platzierten der Shortlist des vom Rat für Formgebung verliehenen „ein&zwanzig“-Nachwuchswettbewerbs, deren Produkte in Mailand ausgestellt wurden. Sie lassen auch jene Bewohner einen Vorteil aus solchen Möbeln ziehen, die alles als Kletter- und Ablageplatz betrachten.

Ein Beispiel dafür ist das Möbel „Ludo“ von Teresa Egger. Ein Couch-, Beistell- und kleiner Arbeitstisch, wahlweise Kinderwippe und Minibank. Und es bietet Stauraum. Ziyi Gong und Jingyi Yu denken an die Haustiere: Ihr Beistelltisch „Lin“ ist auch Katzen- oder Hundebett. SIMONE A. MAYER